Ego-Apokalypse

Der 18-jährige Amokläufer von München David S., der neun junge Menschen willkürlich getötet hat, entspricht einem Tätertyp, mit dem sich seit den 90er Jahren amerikanische Psychiater und Soziologen gründlich beschäftigt haben. Damals hatte an amerikanischen Hochschulen eine Serie von SRS (School Rampage Shootings) eingesetzt, deren vorläufiger Höhepunkt – aber nicht Endpunkt – das Massaker an der Columbine Highschool vom 20. April 1999 war. Der BegriffMass shooting“ definiert einen Gewaltakt mit mindestens vier Toten, ein Hinweis darauf, dass die Quantität der Opfer eine Rolle spielt.i Kennzeichnend ist weiter, dass keine politischen oder kriminellen Motive im Spiel sind. Der Amokläufer ist ein Selbstmörder, der versucht, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen, den er für sich beschlossen hat. Zwar schrecken einige zuletzt vor dem Selbstmord zurück, doch meistens bringt sich der Amokläufer durch das Blutbad in eine Zwangslage, aus der es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Entweder die Polizei erschießt ihn, oder er richtet sich selbst.

Es sind in der Regel Schüler, also sehr junge Menschen, die diesen gewalttätigen Abschied von der Welt wählen. Zweifellos ist sie ihnen unerträglich geworden; doch wenn es soziale Depravierung wäre, die sie motiviert, warum richtet sich ihre Aggression dann gegen Gleichaltrige oder Jüngere? Es ist kein Zufall, dass David S. sich über den Amoklauf von Winnenden (2009) informierte, genau so wenig wie die Wahl des Datums zufällig ist, an dem vor fünf Jahren Anders Breivik  77  Kinder und Jugendliche tötete. Amokläufer sind Nachahmungstäter. Sie planen den Massenmord akribisch, sie konditionieren sich psychisch, sie stellen zielstrebig eine Situation her, die sie zwingt, ihren Vorsatz bis zum Ende durchzuführen. „Ich muss euch alle abknallen“, dieses Zitat von David S. aus einem Zeugenvideo verweist auf die Dimension der Mordphantasie: Alle sollen vernichtet werden.

Die Biografien von Amokläufern decken in der Regel Benachteiligungen und Demütigungen auf, die von ihnen offenbar als vernichtend empfunden wurden. „Wegen euch bin ich gemobbt worden sieben Jahre lang“, rief David S. dem Zeugen zu. Ein Untersuchungsbericht über das Columbine-Massaker hatte seinerzeit zutage gefördert, dass an der High School sadistisch, häufig und meist straflos schikaniert wurde. Eric Harris und Dylan Klebold galten als Einzelgänger und bekamen oft die volle Wucht des Schikanierens und Lächerlichmachens ab. Nun gibt es wahrscheinlich keine Schule auf dieser Welt, in der die Stärkeren nicht versuchen, den Schwächeren ihre Überlegenheit zu zeigen, und die meisten Kinder lernen, damit umzugehen. Das Mobbing muß auf seelische Instabilität treffen, um die Erfahrung der Ohnmacht in tödliche Allmachtsphantasien zu verwandeln. Eric Harris und Dylan Klebold, sensible, begabte Kinder aus wohlhabenden Häusern, steigerten sich wechselseitig in den Wahn hinein, die ganze Hochschule in die Luft zu jagen. Sie wollten sich in einer Dimension rächen, die der Totalität ihrer eigenen Vernichtungsgefühle entsprach. Noch eine halbe Stunde bis zu unserem kleinen Jüngsten Gericht“1 prahlte Dylan Klebold auf seinem Abschiedsvideo. Auch Eric Harris war sich sicher: „Heute geht die Welt unter“2.

Ein Amoklauf ist ein hochsymbolischer Akt. Der Suizid ist fester Bestandteil3 und tiefster Zweck dieser Inszenierung: Sterben von eigener oder fremder Hand. Aber es handelt sich nicht um einen Akt der Verzweiflung; der fände in aller Stille statt. Es ist ein Akt der Selbsterhöhung: Etwas Furchtbares wagen und sich dann höhnisch den Folgen entziehen. Für einen kurzen, aber irreversiblen Moment Herr sein über Leben und Tod. „Töten und zerstören, so viel wir können… Ich will der Welt einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, schrieb Eric Harris in sein Tagebuch4. Töten, nicht nur einen, sondern möglichst viele, und als Massenmörder in die Geschichte eingehen. In einem Scenario des Entsetzens abtreten – doch nicht, um sich selbst zu richten, sondern um danach nie wieder den Boden der Realität berühren zu müssen. Denn diese gottgleiche Großartigkeit ist die Geste, die von den allerniedrigsten Motiven ablenken soll: Neid und Rache. Die Mitschüler, die Gleichaltrigen, die Jüngeren, werden zu Opfern, weil sie die Täter von ihrem Leben ausgeschlossen haben. Sie sollen keine Zukunft haben, wenn die Täter selbstzerstörerisch wegwerfen, woran allen anderen so viel liegt. Die Apokalypse, mit der sich Dylan Klebold und Eric Harris in die Weltgeschichte einschreiben wollten, reduzierte sich auf ein hundsgemeines Blutbad. Es ist unfassbar, wie sie es genossen, ihre Mitschüler Auge in Auge zu töten. Als der Rausch vorbei war, erschossen sie sich selbst. David S. hatte noch 300 Schuss Munition, als die Polizei ihn stellte.

1 www.massshootingtracker

„It’s about half an hour before our little judgement day.“ Zitiert in: Jonathan Fest, Ceremonial Violence: Understanding Columbine and Other School Rampage Shootings. New York 2008, S. 208.

2 „Today the worlds‘ going to an end“. J.F., a.a.O., S.222.

3 Es sei denn, der Attentäter gibt auf. Dann ist es aber schon zu spät. Die überlebenden Schulattentäter, auch die minderjährigen, wurden in den USA mit lebenslänglicher Haft bestraft.

4 „Kill and damage as much as we fucking can… I want to leave a lasting impression on the world“. Eric Harris in seinem Tagebuch. J.F., a.a.O., S. 195.

Die Putschnacht

In der Nacht von Freitag auf Samstag sass ich zwei Stunden lang vor dem PC und starrte in den Lifestream, den CNN Türk aus Istanbul sendete. Als ich einschaltete, zwischen 23 Uhr und Mitternacht, war von einem Militärputsch gegen Erdogan die Rede, der aber schon niedergeschlagen sei. Ich sah Brücken, von denen es hieß, sie seien gesperrt, obwohl sich dichter PKW-Verkehr auf ihnen bewegte, ich sah junge Soldaten mit angelegten Gewehren am Rand eines Platzes, ich sah Panzer, die stillstanden, und denen sich Gruppen von Menschen näherten. Dass ich bis zwei Uhr morgens vor diesen unerklärten Bildern ausharrte, hatte etwas damit zu tun, dass ich 1956 als Schülerin die ersten Panzer, denen sich Zivilisten in den Weg stellten, auf Zeitungsfotos gesehen hatte und der vom Radio übertragene, blutig niedergeschlagene Ungarnaufstand zum Moment meiner Polisierung wurde. Durchaus besorgt behielt ich die Stahlkolosse im Auge, die Menschen so verletzlich erscheinen lassen. Kampfhandlungen waren keine zu sehen, ein Düsenjäger brauste am oberen Bildrand entlang, Menschen warfen sich hinter die Balustraden der Brücke und sehr weit entfernt knatterten Schüsse. Der Lifestream wurde von anderen Bildern unterbrochen. Eine Frau mit einem Smartphone in der Hand nickte bedeutungsvoll in die Kamera, in der parallel geschnittenen Nahaufnahme rief Erdogan die Bevölkerung auf, die Ausgangssperre zu missachten und massenweise auf die Straße zu gehen. Und sie taten es. Sie näherten sich dem Soldaten in meinem Blickfeld, der sie mit angelegtem Gewehr vom Panzer fernzuhalten versuchte, gestikulierend, auf ihn einredend, von vorn; er schoss nicht. Der Pulk kroch wie ein vielköpfiger Drache auf den Panzer zu, Männer fielen auf die Knie, streckten die Arme in die Luft, erhoben sich und krochen weiter bis unters Kanonenrohr. Es fiel kein Schuss. Was dann geschah, konnte ich nicht sehen, doch der Lifestream wurde unterschnitten, immer wieder zeigte die Kamera Dreiergruppen, ein unbewaffneter Soldat zwischen zwei Zivilisten; mit der Zeit begriff ich, dass es von der Geheimpolizei verhaftete Soldaten waren. Was auf und hinter dem Panzer vor sich ging, erklärten am nächsten Tag die Bilder in unseren Zeitungen: Die kauernden Soldaten, die ihre Köpfe mit den Armen schützen, der Mann, der einen Lederriemen schwingt, die erhobenen Fäuste, die blutüberströmten Gesichter, die Uniformen, die man sie auszuziehen gezwungen haben muss, denn freiwillig macht ein Soldat so etwas nicht.  Niemand mag putschende Militärs, aber diese Jungens, die Befehlen gehorchten, waren es nicht, die geputscht haben (sie wussten ja teilweise nicht einmal, worauf ihre Abkommandierung hinauslief), und natürlich konnten sie nicht desertieren. Sie haben nicht geschossen. Und Erdogans merkwürdig gesammelter, fast leuchtender Gesichtsausdruck inmitten seiner Entourage gutgekleideter Männer, und sein furchtbarer Satz vom „Geschenk des Himmels“, und der Ruf nach der Todesstrafe. Mein Gefühl sagt mir: das war ein abgrundtief zynischer Fake. Geheimdienste haben schon ganz andere Ausnahmezustände inszeniert.

Über investigativen Journalismus

Der traditionelle Journalist informiert ein heterogenes Publikum, bemüht sich ethisch um Objektivität und arbeitet gegenwartsbezogen. Der „Stakeholder“ eines investigativen Mediums richtet sich an ein Publikum von Gleichgesinnten und verfolgt ein Ziel: Was können wir tun (um die Welt zu verbessern). Sein Ethos heißt Transparenz. Sein Zeitfenster umfasst Vergangenheit und Zukunft. (Mark Lee Hunter).

AfD: Vorboten einer neuen Barbarei

 Carl Schmitt: Einheit durch Ausgrenzung

Die systematische Ausgrenzung von Minderheiten, wie die AfD sie anstrebt, wenn sie die Parole ausgibt, der „Islam“ gehöre nicht nach Deutschland und in Wirklichkeit die Muslime meint, ist eine Begleiterscheinung des im 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalismus. Das deutsche Nationalgefühl ist nicht aus der Zugehörigkeit zu einem Zentralstaat und der Loyalität zu einem Herrscherhaus erwachsen, wie das französische und das englische, sondern entstand als Narrativ eines idealen Mittelalters. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das bis 1806 dauerte, bestand aus kleineren und größeren Fürstentümern, wo auch eine intellektuelle Elite ihr Auskommen fand, als Gelehrte, Schriftsteller, Pfarrer, Hofmeister, die philosophische und literarische Trendsetter waren. Politik war ihre Sache nicht. Ihre Welt war, sieht man von der Neigung der Fürsten zu übertriebener Autokratie ab, so ausgewogen, dass sie die Französische Revolution keineswegs als den großen Befreiungsschlag empfanden. Den Truppen Napoleons hatten die zersplitterten deutschen Staaten mangels Einheit keinen nationalen Verteidigungswillen entgegenzusetzen. Die ohnmächtigen Intellektuellen begannen darüber nachzudenken, was das Alleinstellungsmerkmal der „deutschen Nation“ im zerfallenden Römischen Reich eigentlich war. Sie mussten weit, weit zurückgehen, bis ins Mittelalter, dessen mauerbewehrte Städte mit ihren Fachwerkhäusern und gotischen Domen ihnen authentisch deutsch erschienen, dessen Ständeordnung sich in pittoreske Volksszenen fassen ließ und dessen mündliche Überlieferung sie zu eifrigen Sammlern und Nachahmern von Volkslied und Märchen machte. Diese Epoche wurde „Romantik“ genannt, weil das Rezept für Literatur und Leben lautete, die Wirklichkeit so zu betrachten, als sei sie ein Roman.

Das prekäre Nationalgefühl der Deutschen

Wenn die Bedrohung anonym bleibt, was immer dann der Fall ist, wenn das Vertraute von etwas unberechenbar Neuem verdrängt wird, verbindet sich der Rückzug in eine imaginierte Schutzzone zwangsläufig mit Verschwörungsphantasien. Die Romantik erklärte den Wald zum Zufluchtsort deutschen Wesens und produzierte von hier aus glühenden Fremdenhass, der sich gegen den äußeren „Erzfeind“, die Franzosen, und nach innen gegen die Juden richtete, deren Emanzipation Bestandteil der napoleonischen Gesetzgebung war. Ernst Moritz Arndt, der 1813 in einem Kirchenlied „des Deutschen Vaterland“ als den Ort lokalisierte, „wo jeder Franzmann heißet Feind“,1 war außerdem ein fanatischer Antisemit: „Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden“.2

In der Völkerschlacht bei Leipzig kämpften nicht „die Deutschen“, sondern die Preußen mit ihren Alliierten gegen Napoleon. Das preußisch gefärbte Nationalgefühl wurde den deutschen Ländern als eine Meta-Zugehörigkeit übergestülpt, um der Reichsgründung durch die preußische Hegemonialmacht den Stachel zu nehmen. Es bedurfte einer Formel, auf die sich die Stämme trotz aller Verschiedenheit einigen konnten, denn es wurden ihnen erhebliche Opfer abverlangt. Mancher Bayer, Schwabe, Hesse, Sachse hatte ein Problem damit, dass sein „Vaterland“, für das zu sterben er bereit sein sollte, so preußisch daherkam. In die Bresche sprang der „alldeutsche“ Nationalismus, die rassistische völkische Bewegung, die später dem Nationalsozialismus das Vokabular lieferte. Das „deutsche Volk“ in seiner Vielfalt wurde enthistorisiert und auf die Angehörigen einer mythologisch und biologisch definierten Rasse verengt. Als nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg Schuldige gesucht wurden, geriet eine deutsche Minderheit in den Focus: die Juden. Sie machten weniger als 1 Prozent der Bevölkerung aus, waren auf Grund der preußischen Gesetzgebung (trotz Einschränkung des Zugangs zu bestimmten Berufen) gleichberechtigte Staatsbürger und hatten sich fast vollständig assimiliert. Ihre Ausgrenzung und Diskriminierung war das Mittel, mit dem Hitler langfristig erreichte, dass die verunsicherten Deutschen das Angebot der Selbstfindung in einer deutschen „Homogenität“ annahmen, die durch die Eliminierung der „heterogenen“ Teile der Bevölkerung Geschlossenheit suggerierte. „Homogenität“ und „Heterogenität“ sind Begriffe aus der Schrift „Die geistesgeschichtliche Lage des gegenwärtigen Parlamentarismus“ (1926) des Staatsrechtlers Carl Schmitt, der angesichts der Kinderkrankheiten der frühen Weimarer Republik, als die Parteien das Aushandeln und Kompromissemachen erst lernen mussten, behauptete, der Parlamentarismus könne nicht funktionieren, weil er zu heterogen sei und keine Einheit herzustellen vermöge. Er stellte die Vorstellung in den Raum, dass Demokratie nur funktioniere, wenn Regierende und Regierte sich zu einem homogenen Volkskörper vereinigten, der in symbiotischer Willensverschmelzung widerspruchsfreie Politik erzeuge. Mit seinem Rezept, das „Heterogene“, die „Fremden“, die „Anderen“, zu eliminieren, damit die Deutschen unter sich sind, goss Schmitt Wasser auf die Mühlen des nationalsozialistischen Antisemitismus. Hitler und Goebbels waren Meister der hysterisierenden Intonation einer Formel, die von den Massen nachgebrüllt wurde und alle Hemmungen wegschwemmte: „Deutschland!“

Ein halbes Jahrhundert lang belastete die Hypothek des Holocaust das deutsche Nationalgefühl, zumal es zwei deutsche Staaten gab. Inzwischen kommen wir, jedenfalls die Mehrheit von uns, mit unserer demokratischen Bundesrepublik Deutschland zurecht. Für Fußballfans ist „…Schland!“ ein Anfeuerungsruf. Wer die Nationalhymne mitsingt, tut es nicht ohne Feierlichkeit. Doch nun taucht das hysterisierende „Deutschland!“, das bislang auf Neonazi-Zirkel beschränkt war, wieder in aller Öffentlichkeit auf. Die Populisten der AfD üben sich ganz ungeniert in der Nachfolge jener Agitatoren, die Deutschland in den Abgrund geführt haben, aus dem es sich gewissenhaft herausgearbeitet hat, um wieder in die Weltgemeinschaft aufgenommen zu werden. Die neuen Volkstribune wollen uns freilich glauben machen, dass dieser Weg aus der Isolation der falsche war, dass wir vielmehr schleunigst in unsere alten institutionellen und vor allem geistigen Grenzen zurückkehren sollten, weil andernfalls Identitätsverlust drohe. „Deutschland war die Heimat unserer Vorfahren. Deutschland muss als Heimat unserer Kinder erhalten bleiben. Deutschland ist unsere Heimat – unser Land – und unsere Nation!“ deklamierte in Erfurt Björn Höcke. Mit bebender Stimme und zuckenden Mundwinkeln bekannte er: „Ich liebe mein Volk!“ Welches Volk? Ultrarechte, Neonazis, Identitäre, Pegida, Legida? Die Deutschlandfahne, die auf Demonstrationen der AfD gelegentlich geschwenkt wird, scheint den Grundkonsens mit der Verfassung anzuzeigen, doch das ist purer Hohn. Was man davon zu halten hat, zeigte der Vorfall in der Talkrunde von Günter Jauch am 18. Oktober 2015 : Das Hoheitszeichen der Bundesrepublik, aus der Innentasche des Jacketts gezupft wie ein erotischer Fetisch, diente Höcke während des Rests der Sendung als Ärmelschoner.

Hysterisierung als populistisches Mittel

Die Schlüsselbegriffe der Demokratie werden von ihren Propagandisten als „Wieselwörter“,3 die ihrer ursprünglichen Bedeutung entleert worden sind, in den Diskurs eingeschleust, wo sie Übereinstimmung vortäuschen sollen, damit die subversive Absicht verborgen bleibt. ,„Wir sind das Volk“ meinte zuerst den Aufstand gegen die Diktatur, dann zielte „wir sind ein Volk“ auf die nationale Einheit. Jetzt treten gewisse Bürger mit dieser Parole, die inzwischen völkisch, fremdenfeindlich, rassistisch unterlegt ist, gegen den Staat an, weil sie eine andere Idee von ihm haben. Geschichte wiederholt sich nicht; Parallelen hingegen gibt es. Wie nach der Französischen Revolution, wie nach 1918 stehen uns Veränderungen bevor, die unberechenbare Selbstläufer zu sein scheinen. Die Unsicherheit ist groß, das Vertrauen in die politischen Institutionen schwindet. Während die strukturierten Systeme nach vernünftigen Lösungen suchen, zu denen auch der Zusammenschluss zu einem Staatenverbund zählt, wuchern in den weniger luziden Winkeln der Gesellschaft die Verschwörungstheorien. Sie sind gepaart mit Fremdenhass und der Suche nach Volksfeinden, die man für die veränderte Welt haftbar machen will. Diese Stimmung ruft politische Hasardeure und Demagogen auf den Plan, die sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen versuchen.

Wenn Gauland und Höcke parallel auf zwei Kundgebungen in Erfurt und in Magdeburg (18. November 2015) fünf „Grundsätze für Deutschland“ verkünden, als handle es sich bei der Bundesrepublik mit ihren über 80 Millionen (plus einer Million geflüchteter) Einwohnern, ihrer Wirtschaftsmacht, ihrer sorgfältig gehüteten Rechtssicherheit, ihrem politischen Gewicht in und außerhalb von Europa um ein zum Ausverkauf stehendes, manipuliertes, fremdbestimmtes Land, dann kann man dem beurlaubten Gymnasiallehrer und dem pensionierten Zeitungsverleger unterstellen, dass sie genau wissen, was sie tun: lügen. Da sie keine Argumente haben, mit denen man sich auseinandersetzen könnte, behelfen sie sich mit der stereotypen Diffamierung der Bundesrepublik als „Unrechtsstaat“, dem sie unterstellen, dass „eine kleine, machtvolle politische Führungsgruppe innerhalb der Parteien“, ein „politisches Kartell“, [… ] die Schalthebel der staatlichen Macht, soweit diese nicht an die EU übertragen worden ist, die gesamte politische Bildung und große Teile der Versorgung der Bevölkerung mit politischen Informationen in Händen hat“.

Die gewiss nicht fehlerlose, aber stabile repräsentative Demokratie, die sich in praktischer Vernunft üben muss, weil ihre Wähler die Macht haben, sich ihrer zu entledigen, ist den an die Affekte appellierenden Populisten offenbar ein Dorn im Auge, weil sie nicht wirklich zu erschüttern ist. Die Demagogen greifen zum Mittel der Hysterisierung, jenem populistischen Verfahren, nicht vorhandene Gefühle durch deren übertriebene Darstellung zu ersetzen, in der Hoffnung, dass der Wahn auf die Massen überspringt und sie an die Macht trägt. „Deutschland!“ als Jammer-Refrain. „Ich liebe mein Volk!“ als sentimentaler Seufzer. Was für ein Schmierentheater! Auch die Weimarer Republik ist von ihren Gegnern schlecht geredet worden, doch war sie verwundbarer als die Bundesrepublik es ist. Unsere Medien ‒ Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen – hinterfragen fast unisono die Propaganda der AfD und widerlegen, immer und immer wieder von vorn, jede einzelne falsche Behauptung. Daher die rasende Wut auf die „Lügenpresse“, die eben nichts anderes tut, als die Lügen der Volksaufwiegler von AfD, Neonazis, Pegida, Legida, aufzudecken. Der größte Feind der Lüge ist die Wahrheit.

Die AfD will seriös erscheinen und hat für die Bundestagswahlen einen Leitantrag verfasst, der den erträumten Koalitionsverhandlungen als Grundlage dienen soll. Sie will nicht etwa nur die Regierung ablösen, um eigene politische Vorstellungen durchzusetzen. Sie will das System ändern. An die Stelle der repräsentativen Demokratie soll eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild treten. Über Gesetze, selbst Verfassungsänderungen, sollen Volksabstimmungen entscheiden. Das setzt wiederum eine Grundgesetzänderung voraus, die kaum auf legalem Weg zustande käme. Der Politologe Claus Leggewie sieht in diesem Anspruch der AfD „die Rückkehr einer faschistischen Potenz“, denn „sie treten an im Modus des radikalen Widerstands gegen die politische Klasse und die in liberalen Demokratien üblichen Aushandlungs- und Kompromissprozeduren […] In diesem Milieu wird allen Ernstes Artikel 20 (4) des Grundgesetzes ins Gespräch gebracht, der das Widerstandsrecht gegen eine illegale Regierung erlaubt“. 4 Das ist gewiss der kühnste aller Träume der Frauke Petry: Mehrheiten zu gewinnen, mit denen die AfD interessant für Regierungskoalitionen würde, die dann nichts Eiligeres zu tun hätten, als die Verfassung zu ändern. Die AfD erwartet wohl kaum, dass die etablierten Parteien den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Ihre Theoretiker imaginieren vielmehr eine Implosion der Strukturen, das Zusammenströmen aller Deutschen auf einer Rütli-Wiese des Volkswillens, der in Symbiose mit einer gleichgesinnten Regierung in einem Akt politischer Kommunion den idealen Staat schafft. Natürlich hat das nichts mit Wirklichkeit zu tun. Es ist das Demokratie-Projekt Carl Schmitts, das solche Phantasien nährt.

Eine Vergangenheits-Simulation

Die AfD ist eine Retro-Partei. Sie leugnet die Gerichtetheit historischer Verläufe. Was man vergeblich im Wahlprogramm sucht, ist eine Zukunftsperspektive. Es enthält im Gegenteil eine ausdrückliche Absage an Aufklärung und Fortschritt: „Wir glauben nicht an die Verheißungen politischer Ideologien oder an die Heraufkunft eines besseren, eines ‚Neuen Menschen‘. Eine Geschichtsphilosophie, die von einer Höherentwicklung der individuellen menschlichen Moral ausgeht, halten wir für anmaßend und gefährlich“. An die Stelle einer Vision setzt die Partei eine aus Vergangenheitspartikeln zusammengestückelte Simulation, „Leitkultur“ genannt. Wie sieht das Trugbild aus, das die AfD vor sich her trägt? Das Rezept lautet: Identitätsstiftung durch gemeinsame Kulturpflege, wobei man unwillkürlich an einen Chor denkt, der deutsches Liedgut schmettert. Benannt werden kurioserweise – richtig gut kennen sich die Leitsatz-Autoren in der Geschichte offenbar nicht aus ‒ als Grundlagen einer „deutschen Leitkultur“ multikulturelle europäische Phänomene wie a) das im Vorderen Orient entstandene Christentum, b) die aus antiken (griechisch-römisch-arabischen) Wurzeln erwachsene wissenschaftlich-humanistische Tradition und c) das von Napoleon in Deutschland implantierte römische Recht. Nach dieser treuherzigen Aufzählung angeblicher deutscher Alleinstellungsmerkmale wirkt die Anprangerung einer „Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert“, absurd. Den Vorwurf der Geschichtsblindheit kann man guten Gewissens zurückspielen, denn nur eine insuläre Situation bewahrt eine Gesellschaft vor fremden Einflüssen, was aber auch bedeutet, dass sie sich nicht entwickelt.

Wer sind die Leute, die unmittelbaren Nutzen aus der Realisation dieses AfD-Projektes ziehen würden? Ausgehend von den Formulierungen zur Bildungspolitik wird nachvollziehbar, dass sich hier die Nachfahren des kulturell ehemals tonangebenden Bildungsbürgertums zum Gefecht gegen die moderne Welt mit ähnlich blinder Entschlossenheit sammeln, wie sie Cervantes‘ Don Quichote hinderte, die Natur seiner Phantasmen zu erkennen. Eingeschüchtert von Digitalisierung und Globalisierung, den Totengräbern vertrauter bürgerlicher Verkehrsformen, verängstigt angesichts der Vielfalt der Welt, die sich in der Präsenz von Personen mit unterschiedlichen Hautfarben und Lebensweisen äußert, überfordert von der Kontingenz der kulturellen Wahlmöglichkeiten, geniert von der Enttabuisierung des Sexuellen, flüchtet sich der anpassungsunwillige Teil des deutschen Bildungsbürgertums in Nostalgie. Wo und wann ging es ihm am besten? Im Kaiserreich. Im Dritten Reich (mit einer kleinen peinlichen Einschränkung, an die zu erinnern es ihnen nun aber auch reicht: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst“). In der Adenauerzeit. „Wir wollen Deutschland reformieren und an die Prinzipien und Wurzeln anknüpfen, die erst zu seinem Wirtschaftswunder und dann zu seinem jahrzehntelangen sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg geführt haben“.

Die gute alte Zeit vor 68

Wie das Deutschland, das die AfD heraufbeschwört, aussehen soll, lässt sich aus dem Leitantrag extrapolieren. Es gibt dann zum Beispiel wieder ordentliche Schlagbäume und Zollkontrollen an den Grenzübergängen, die zu überqueren seinerzeit die reinste Freude war, da die starke DM die Deutschen zu Touristenkönigen machten. Zu glauben, mit der DM käme die gute alte Zeit wieder, hat den Realitätsgehalt eines Grimmschen Märchens. Weiter: Alle fremden Truppen, hauptsächlich die Amerikaner, sind verjagt, denn „… 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 25 Jahre nach der Beendigung der Teilung Europas [steht] die Neuverhandlung des Status alliierter Truppen in Deutschland auf der Tagesordnung“. Wir brauchen sie ja auch gar nicht, da wir dann eine hochgerüstete deutsche Bundeswehr haben werden ‒ die zur Zeit leider „in der ganzen Welt fremden Interessen dient, während die hiergebliebenen Soldaten ihre Kasernen für Asylsuchende räumen und Toiletten in Erstaufnahmeeinrichtungen reparieren“ (O-Ton Björn Höcke in Erfurt). Dazu muss die Wehrpflicht – nur für Männer – selbstverständlich wieder eingeführt werden, was vor allem Leuten wie Höcke gefallen würde, der in Erfurt klagte: „Wir haben unsere Männlichkeit verloren. Wir müssen unsere Männlichkeit wiederfinden“.

Was die Adenauer-Zeit für die neue Rechte so anziehend macht, könnte die ungebrochene faschistische Anmutung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft sein, die sich dank amerikanischer Hilfe aus den Trümmern relativ schnell herausgearbeitet hat. Trotz der Schockwirkung der Nürnberger Prozesse und den alliierter Erziehungsmaßnahmen hielt sich der in den Strukturen verankerte autoritäre (Un-)Geist noch fast zwei Jahrzehnte lang. Ohne dass eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen erfolgt wäre, kamen die Römischen Verträge (1957) zustande, die für das europäische Einigungswerk die Grundlage bilden sollten. Diese Wiederaufnahme in die Weltgemeinschaft allein auf Grund wirtschaftlicher Tüchtigkeit konnte sich die nur oberflächlich demokratisierte Nachkriegsgesellschaft zugute halten. Erst mit der Studentenbewegung, die „den Muff von tausend Jahren“ humanistischer Bildungstradition aus den Universitäten vertrieb, und unter den sozialliberalen Landesregierungen begannen die Reformen, die der AfD dramatisch staatsgefährdend erscheinen, obwohl es sich um nichts anderes handelt, als um eine Modernisierung der Gesellschaft entsprechend den Herausforderungen einer veränderten internationalen Lage.

Mit seiner Äußerung, „wir wollen weg von diesem links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland“, die ihm standing ovations eintrug, ließ der Parteivorsitzende Jörg Meuthen in Stuttgart (30.April/1. Mai 2016) die Katze aus dem Sack. Der Altersstruktur, die sich aus der geleakten Teilnehmerliste erschließen lässt, ist zu entnehmen, dass die stärksten Jahrgänge der Mitglieder in den 70er und 80er Jahren zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt waren, in einer Zeit also, als die 68-er in der Tat überaus präsent an Schulen und Universitäten waren, und dass Meuthens Erklärung, seine Aversion gehe auf „linke Lehrer“ und „pure Indoktrination“ zurück, tatsächlich den wunden Punkt in den Seelen seiner jubelnden Zuhörer offenlegte. Rechts oder auch nur konservativ zu sein, einer Burschenschaft, der Bundeswehr oder der Polizei anzugehören, hatte an den Universitäten in jener Zeit oft eine Stigmatisierung zur Folge, bis den 68ern der Marsch durch die Institutionen geglückt war und sie ihre Vision einer gerechten Gesellschaft (nicht ohne Verwerfungen) in die Praxis umsetzen konnten. Der rauschende Beifall für Meuthens 68-er-Schmähung lässt darauf schließen, dass hier eine Retourkutsche gefahren werden soll. Wenn es aber so ist, dann ist es zu spät. Die Geschichte hat den 68-ern Recht gegeben, weil sie den Nazigeist aus Deutschland vertrieben und die verkrusteten Strukturen aufgebrochen haben, so dass es uns Deutschen möglich wurde, den Anschluss an die kulturellen und politischen Standards des Westens wiederzugewinnen; und das ist hoffentlich irreversibel. Dass sie – die in der 68-Hochblüte machtlosen Professoren und Burschenschaftler, Militärs und Polizisten – sich auf der Verliererseite der Geschichte fühl(t)en, erklärt, warum sie sich einer revisionistischen Plattform wie der AfD zugesellen. Sie wollen den Spieß umdrehen.

Bürgerprivileg Bildung

Wes rückständigen Geistes Kind sie sind, geht besonders deutlich aus den Passagen zur Bildungspolitik hervor. Das verschwörerische Geraune von einer „politisch-ideologischen Indoktrination“ meint nicht links oder marxistisch oder sozialistisch oder sozialdemokratisch, es meint das in der Verfassung festgeschriebene Projekt der sozialen Gerechtigkeit, das die größte Ungerechtigkeit des bürgerlich geprägten Staates beseitigen soll: die unterschiedlichen Bildungschancen. Der AfD-Gegenentwurf trägt Züge der Ständeordnung, sogar des Naturrechts. Hier setzt sich der christlich-fundamentalistische Strang in der Partei durch, den Beatrix von Storch vertritt: Ungleichheit ist geburtsabhängig. Bildung wird einem in die Wiege gelegt. „Es ist falsch, Eltern und Jugendlichen einzureden, nur derjenige Bildungsweg sei erfolgreich, der zu einer Hochschule führe. Ein gegliedertes Schulsystem muss die Begabungen und Stärken von Schülern erkennen und fördern“. Folglich will die Partei auch das dreigliedrige Schulsystem erhalten, das die Berufschancen vorsortiert. Bezeichnend ist die Begründung, warum die Inklusion als „ideologisch motiviert“ abgelehnt wird: „Sie verursacht erhebliche Kosten und behindert Schüler in ihrem Lernerfolg“. Verlangt werde von den Schülern „Leistungsbereitschaft und Disziplin“, und das ohne Zimperlichkeit: “Das entsprechende Verhalten der Schüler kann nur durchgesetzt werden, wenn den Lehrern die dazu geeigneten Maßnahmen zur Verfügung stehen und deren Durchsetzung nicht ständig hinterfragt wird“. Verstöße seien „unter Einbeziehung der Erziehungsberechtigten angemessen zu ahnden“. Was ist „angemessen“? In Deutschland wurde erst 1973 die Prügelstrafe in den Schulen abgeschafft (in Bayern sogar erst 1983) und den Eltern erst 2000 generell verboten, ihre Kinder körperlich zu züchtigen. Wie kann man sich in diese Zeiten zurücksehnen?

Die „deutsche Leitkultur“ knüpft an die Zeit an, als das gebildete Bürgertum die kulturelle Elite repräsentierte; das soll in Zukunft wieder der Fall sein, und zwar unter Rückabwicklung aller Reformen der letzten fünfzig Jahre. Maß genommen wird am Humboldtschen Bildungsideal, das vor ziemlich genau 200 Jahren entwickelt wurde. Vorrangig gefördert werden sollen: Das humanistische Gymnasium als privilegierter Zugang zur Akademikerlaufbahn. Der elitäre Status der Universitäten; nur sie sollen das Recht haben, Studenten zu promovieren und zu habilitieren. Auch was die europaweiten Universitätsreformen betrifft, ist eine Totalrevision angesagt. „Das verschulte Studiensystem mit Bachelor‐ und Masterabschlüssen (Bologna‐Prozess) entlässt Hochschulabgänger, deren ungenügende Qualifikation die Arbeitgeber nicht zufriedenstellt. Deshalb fordert die AfD die Rückkehr zu den bewährten Studienabschlüssen Diplom, Magister und Staatsexamen und den entsprechenden Regularien“. Wissenschaft und Forschung werden von der AfD nicht im internationalen Wettbewerb gesehen, der inzwischen ausschließlich zählt, sondern als geschlossener deutscher Tummelplatz; deshalb soll an den Universitäten ausschließlich auf Deutsch gelehrt werden. In völliger Verkennung der voranschreitenden Globalisierung soll das Englische zurückgedrängt werden. „Im Inland tritt die AfD allen Tendenzen strikt entgegen, die deutsche Sprache auf Behörden, in universitären Studiengängen und in der Binnenkommunikation von Firmen im Sinne einer falsch verstandenen ,Internationalisierung‘ durch das Englische zu ersetzen oder zu ‚gendern’.

Zurück an den Herd

Am konsequentesten würde, hätte die AfD die Politik zu bestimmen, das Rad der Geschichte für die Frauen zurückgedreht. Was sie an gesetzlicher und sozialer Gleichstellung erstritten haben, wäre Makulatur. In diesem Punkt dockt die AfD ganz unverhohlen an das völkische (und übrigens auch an das islamische) Weltbild an, das postuliert, der Unterschied zwischen Mann und Frau ergebe sich aus ihren unterschiedlichen Aufgaben. In der Familienpolitik ist der Leitgedanke der rassistischen Arterhaltung am deutlichsten erkennbar: Frauen sind demnach auf der Welt, um ihr Volk zu vermehren – besonders jetzt, angesichts des Geburtenrückgangs und der Zuwanderung aus Gesellschaften, in denen die Familie noch einen hohen Stellenwert hat. „Den demografischen Fehlentwicklungen in Deutschland muss entgegengewirkt werden. Die volkswirtschaftlich nicht tragfähige und konfliktträchtige Masseneinwanderung ist dafür kein geeignetes Mittel“ . An erster Stelle müsse die Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung durch entsprechende Maßnahmen erhöht werden. Dazu gehörten u.a. eine „Willkommenskultur für Neu- und Ungeborene“, die Abtreibung erheblich erschwert, weiter die Abschaffung von Einrichtungen „wie Krippen, Ganztagsschulen, Jugendämter und Familiengerichte“, die „zu sehr in das Erziehungsrecht der Eltern eingreifen“. Ein „falsch verstandener Feminismus“ schätze einseitig berufstätige Frauen, nicht aber „Frauen, die ’nur‘ Mutter und Hausfrau sind.“ (Das Drei-Kinder-Modell wird von Petry und Höcke vermutlich auf Grund einer Vermehrungs-Hochrechnung vertreten).

Horrorvisionen scheint der Begriff „Gender Mainstreaming“, verstanden als „Stigmatisierung der Geschlechterrollen“, hervorzurufen. Seit 1999 (Amsterdamer Vertrag) ist es in Europa ein gesetzlich verankertes Ziel, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Die AfD sieht darin einen „ideologischen“ Anschlag auf die traditionelle Familie, die ja überhaupt, um als trautes Heim zu reüssieren, ihren Kindern Fernsehen, Laptops und Smartphones vorenthalten, sie also zu Außenseitern machen müsste. Wenn sie sich in die Universitäten Heidelberg oder Göttingen einschreiben würden, bräuchten sie dann auch kein Englisch, wie ihre KommilitonInnen, die über Austauschprogramme in Spanien, den USA oder Neuseeland studieren, und die sie vermutlich heftig beneiden würden. Dass diese Formulierungen im Grundsatzprogramm stehen, ist nicht weiter verwunderlich, da etwa 80 % der Mitglieder männlich sind. Verwunderlich ist allerdings, dass die beiden Frauen im Vorstand, Frauke Petry (promovierte Chemikerin) und Beatrix von Storch (Rechtsanwältin), ein Frauenbild vertreten, das nicht nur vollkommen out ist, sondern auch kaum geeignet, ihnen Wählerinnen-Stimmen einzubringen. Warum sollten die Frauen in Deutschland auf ihre mühsam erkämpften Rechte verzichten? In den familienpolitisch weitaus progressiveren skandinavischen Ländern ist die Berufstätigkeit beider Elternteile und die Betreuung der Kinder außer Haus die gut funktionierende Regel.

Aus dem Weg mit den Schwachen

Diese „Zurück-an-den-Herd“- Zumutung ist aber noch nicht die Klimax der von der AfD geplanten Restitution autoritärer Lebensformen. Im christlich-fundamentalistischen Weltbild galten harte Strafen als Garantie von Recht und Ordnung. Die deutsche Justiz hat sich sehr schwer damit getan, den Sühnegedanken im Strafrecht des 20. Jahrhunderts so abzumildern, dass Straftäter, vor allem jugendliche Delinquenten, eine Chance der Wiedereingliederung in die Gesellschaft behalten. Die ebenso repressive wie regressive Haltung der AfD kommt in den Ausführungen zur „Inneren Sicherheit und Justiz“ zum Zuge. Sie will zum Beispiel bei der Untersuchungshaft die Haftgründe abschaffen. (Ein Richter darf U-Haft bisher nur bei Flucht-, Verdunklungs- oder Wiederholungsgefahr anordnen). Sie fordert einen „sicherheitspolitischen Befreiungsschlag“, um die Exekutive zu stärken: Ausländerbehörden, Polizei und Strafverfolgung. Es geht ihr vor allem um schnellere Abschiebung, da vorausgesetzt wird, dass es hauptsächlich Ausländer sind, die Straftaten begehen. Eine andere von vornherein verdächtige Gruppe sind die Jugendlichen. Das Strafmündigkeitsalter soll auf zwölf Jahre gesenkt werden. Auf volljährige Täter soll das Erwachsenenstrafrecht angewendet werden. „Der Staat muss durch die konsequente Bestrafung schwerer Delikte Signale der Warnung und Prävention aussenden sowie den verloren gegangenen Respekt bei diesen jugendlichen Serientätern wiederherstellen“. Alkohol- und Drogenabhängige sowie psychisch Kranke, „von denen erhebliche Gefahren für die Allgemeinheit ausgehen“, gehören nach Ansicht der Autoren nicht in psychiatrische Behandlung, sondern in Sicherungsverwahrung. Ein Dorn im Auge ist ihnen weiter, dass die Daten von Straftätern genauso geschützt sind wie die jedes anderen Bürgers. Im übrigen soll Videoüberwachung möglichst flächendeckend eingeführt werden. Ein Maximum an Polizeistaat für die potentiell „Bösen“; nichts dergleichen für die „Guten“: „Ein strengeres Waffenrecht wäre ein weiterer Schritt in die Kriminalisierung unbescholtener Bürger und in den umfassenden Überwachungs‐ und Bevormundungsstaat“. Die Zweiteilung der Welt in „Gute“ und „Böse“ ist bekanntlich auch ein Relikt aus der christlich-fundamentalistischen Sphäre, wo Gerechtigkeit darin besteht, die einen zu bestrafen und die anderen zu belohnen.

Vollends heilsgeschichtlich oder total fiktional, je nachdem, in welche Richtung man blickt, ist die Konzeption der AfD vom Schicksal der Erde. „Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert“. Für sein Biotop trägt der Mensch keine Verantwortung, da waltet eine höhere Macht, die alles bestens eingerichtet hat: „Kohlendioxid (CO 2) ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil allen Lebens […] Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus. Die hierzu geplante zwangsweise Senkung der CO2‐Emissionen um mehr als 85 Prozent würde den Wirtschaftsstandort schwächen und den Lebensstandard senken“. Hier bläst die AfD allerdings, und wohl nicht zufällig, ins Horn der Energieversorger, wenn sie verspricht, dass sie „alle Alleingänge Deutschlands zum Reduzieren der CO2 ‐Emissionen unterlassen“ und „Klimaschutz‐Organisationen […] nicht mehr unterstützen“ würde. Alternative Energieerzeugung wird pauschal abgelehnt.

Die AfD steht für eine Zukunftsvision der Zerstörung

Alles in allem ist die AfD keine Partei der Zukunft, denn ihr fehlt jede zündende Idee. Rückabwicklung ist kein politisches Programm, sondern ein Stör- und Zerstörungsversuch, der gesellschaftliche Energien lähmt, die zur Bewältigung der Umbrüche, die uns bevorstehen, dringend gebündelt werden müssten. Die auffällig breite Akzeptanz dürfte auf einer Reihe von Missverständnissen beruhen. Solange nicht klar ist, worauf das Ganze hinaus soll, kann jeder Unzufriedene sich von der AfD irgendwie vertreten fühlen. Die historische Retourkutsche der ausgebooteten Rechtskonservativen des Westens ist anders motiviert als die völkische Fata Morgana, mit der sich die Neu-Rechten des Ostens identifizieren wollen. Es ist ohnehin verwunderlich, dass die elitäre bürgerliche Kerntruppe die Nähe des Vulgären sucht und mit Pegida aufschließt. Die Logik ergibt sich auf einer anderen Ebene. Die Parole „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ ist mehr als ein Statement zur Asylpolitik. Sie ist auch mehr als ein taktisch berechneter gemeinsamer Nenner für die unterschiedlichen Interessen der Mitglieder. Sondern: Sie ist die Quintessenz einer geplanten Barbarei. Wie abwiegelnd auch immer mit „politischen Islam“ etc. argumentiert wird, gemeint ist: Muslime gehören nicht nach Deutschland. Fremde haben hier nichts zu suchen. Es sei denn, sie geben ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Lebensgewohnheiten auf und verwandeln sich in Schnittmuster-Deutsche, denn in Deutschland darf es nur Deutsche geben.

Hier schließt sich der Kreis. Hier hört die AfD auf, eine Partei von Rechtskonservativen zu sein, denen man ihre Denkfehler eventuell noch ausreden kann. Petrys Äußerung, dass Polizisten an der Grenze „notfalls“ auf Flüchtlinge schließen dürften, war kein Versehen. Was westliche Rechtskonservative und östliche Neue Rechte verbindet, ist die Philosophie Carl Schmitts. Der Staatsrechtler schrieb 1926, Demokratie könne nur als Diktatur des Volkes funktionieren, das seinen Willen den Regierenden symbiotisch kommuniziert. Die Voraussetzung für diese „Identität des Volkes mit seiner Repräsentation im Parlament“5 sei Gleichheit, die durch Ausgrenzung des Ungleichen hergestellt werde. Schmitts Gleichheitsbegriff ist das Gegenteil von dem, was wir unter Menschenrechten verstehen, denn er ist der Meinung, dass in einer Demokratie ein Teil der Bevölkerung ungleich behandelt und ausgegrenzt werden müsse, damit die Verschmelzung von Regierten und Regierenden gelingt. Vernichtung des Heterogenen sei das Mittel, Homogenität zu erlangen, denn dadurch werde „die innere Festigkeit und der Zusammenhalt in einer Gruppe gestärkt“.6 Als Beispiele nennt Schmitt „die radikale Aussiedlung der Griechen im Zuge der Türkisierung der Türkei und die strikte Einwanderungsgesetzgebung in Australien, die nur den ,right type of settler‘ ins Land lasse“.7

Mit seinen Thesen hat Carl Schmitt Hitler zugearbeitet und die Vernichtung der Juden im voraus legitimiert. Es läuft einem kalt über den Rücken, wenn man diese Denkmuster in der Selbstdarstellung der AfD entdeckt. Die Verachtung für die parlamentarische Demokratie und das humanitäre Gleichheitsprinzip der Menschenrechte, die sich aus dem Leitantrag erschließt, sind Hinweise. Definitiv entlarvend ist der Aufruf zur Ausgrenzung der Muslime. Die Parteiführung weiß durchaus, woran sie anknüpft. Wenn Alexander Gauland feststellt, die Flüchtlingskrise komme der AfD zupass, dann spricht er aus der Perspektive Carl Schmitts: Nichts eignet sich besser, völkisch-nationalistische Homogenität herzustellen, als ein Bedrohungszenario durch Fremde. Frauke Petri hätte vermutlich gern im Münchner Hofbräukeller gesprochen, weil die damit verbundenen Assoziationen ihrem Auftreten eine verschwörerische Bedeutung verliehen hätten. Mit der Parole „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ versucht die Partei, auf Kosten großer, längst integrierter Bevölkerungsteile und zum Nachteil der Geflüchteten, die unsere Hilfe brauchen, im Trüben zu fischen. Indem sie das Narrativ einer Gesellschaft, die sich in technikfreien Landschaften der Globalisierung entzieht und ihre musealen Kulturgüter pflegt, als Fassade benutzt, täuscht die AfD darüber hinweg, dass sie beabsichtigt, den Weg für eine neue Barbarei frei zu machen. Die Vorstellung eines in tiefer Übereinstimmung mit einem Führer vibrierenden Volkskörpers ruft nicht nur die Massenhysterie im Berliner Sportpalast vor Augen, sondern auch die ihr Gepäck schleppenden, auf ihren Abtransport wartenden Juden. Ausgrenzung trägt immer den Keim des Genocids in sich. Auch damals war Diskriminierung der Anfang, es folgten Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Entzug der Rechte und Pauperisierung, bis niemand mehr übersehen konnte, dass es Deutsche und Nichtdeutsche gab. Diese Nachahmung ist, auch in einem insgesamt wirklichkeitsfremden Projekt, einfach schändlich. Wenn die AfD auch nur einen Funken Respekt vor dem Land, der Kultur und der Geschichte, deren Teil sie ist, besäße, würde sie nicht ausgerechnet das wiederholen wollen, was Deutschland in Schande gestürzt hat. Man darf ihr keinen Millimeter entgegen kommen.

Datenklau statistisch

Der Bundesparteitag der AfD war keine Delegierten-, sondern eine Mitgliederversammlung. Wer nach Stuttgart gereist ist, um sich an der Verabschiedung des Grundsatzprogramms der Partei zu beteiligen, war vermutlich hoch motiviert. Wertet man den unpersönlichen Teil der ins Internet gestellten Angaben über die Mitglieder statistisch aus, ergibt sich ein interessantes Bild, welche Jahrgänge involviert sind, und wie die AfD-Zellen in Deutschland verteilt sind.

teilnehmer-alter

Der älteste Teilnehmer war über 90 Jahre alt. 25 waren über 80. An 70-79-Jährigen waren 214 anwesend, zählt man die über 65-jährigen dazu, befanden sich 495, ein Viertel der rund 2000 Teilnehmer, im Rentenalter. Die 50-65-Jährigen stellten die zahlenmäßig stärkste Gruppe. Je jünger die Teilnehmer waren, desto geringer wurde ihre Zahl. Von einer Jugendbewegung kann man also nicht gerade sprechen.

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Diese Graphik zeigt die Herkunft der Teilnehmer nach Postleitzahlen. Überraschend ist der hohe Anteil der Teilnehmer aus Baden-Württemberg, (70-79) Nordrhein-Westfalen (60-69) und Bayern  (incl. teilweise Thüringen 98-99). Aus Berlin (10-13) kamen nur 2 Prozent der Teilnehmer.

postleitzahlen

Karte der Postleitzahlen mit Zonen der ersten 2 Ziffern der PLZ und den Bundeslandgrenzen. Grafik: Stefan Kühn

Warum Russland die Krim als russisches Terrain betrachtet

Auszüge aus meinem Roman „Borysthenes – Landschaft und Trauma“

Die Krim war russisch, seit Katharina II. sie 1783 annektierte. Damit rundete sie die Eroberung von Südrussland ab, das auch die spätere Ukraine umfasste. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, schenkte das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR die Krim der Ukraine als Zeichen der „brüderlichen Liebe des russischen Volkes“. Das war eine der ersten Amtshandlungen Chruschtschows, nachdem er sich im Politbüro als Nachfolger Stalins etabliert hatte. Er war der Ukraine persönlich verbunden. Der Herkunft nach war er Russe, aber aufgewachsen ist er im Donezk, wo er als Maschinist in demselben Bergwerk gearbeitet hat wie sein Vater. Nach Kriegsende wurde er Regierungschef in der Ukraine und trug die politische Verantwortung für den Wiederaufbau. Als er 1949 nach Moskau ging, blieb er der Ukraine etwas schuldig – die Abrundung ihres Gebietes durch die Halbinsel Krim, die er unmittelbar nach Kriegsende versprochen hatte, womit er bei Stalin aber auf taube Ohren gestoßen war. Das hat er 1954 dann nachgeholt.

1993, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wäre es zwischen den ehemaligen Waffenbrüdern schon einmal fast zum Krieg gekommen, denn die Regierung in Kiev reklamierte die Schwarzmeerflotte und ihren Stützpunkt Sevastopol für die Ukraine, was Moskau nicht zulassen wollte. Die UNO musste schon damals vermitteln. Erst 1999 ist ein Kompromiss gefunden worden. Das Kommando der Schwarzmeerflotte wurde zwischen Russland und der Ukraine aufgeteilt. Für zwanzig Jahre ist der größte Teil des Flottenstützpunktes einschließlich seiner militärischen Infrastruktur an Russland verpachtet worden. 2019 müssten die Russen sich eigentlich zurückziehen. Aber werden sie es tun?

Die Krim ist ein russischer Mythos, den Katharina die Große begründet hat. Nachdem Fürst Potemkin für sie Südrussland erobert und die Krimtataren besiegt hatte, annektierte die Zarin die Halbinsel 1783 und befahl den Bau der späteren Schwarzmeerflotte auf den Werften von Cherson. Katharinas Vision war die Vertreibung des Islam aus dem Schwarzmeerraum. Sie wollte die Türken besiegen und das Schwarze Meer unter russische Kontrolle   bringen. Ihr Modell war die griechische Kolonisation, die sie durch eine christlich-orthodoxe ersetzen wollte. Das deuten schon die antikisierten Namen an, die sie für neu gegründete oder den Tataren abgenommene Städte wählte: Odessa, Cherson, Feodosija, Simferopol.

1787 konnte Katharina zum Abschluss ihrer berühmten „Taurischen Reise“ den Dnjepr hinab (vorbei an den „Potemkinschen Dörfern“, die nur aus Fassaden bestanden) in der Bucht von Sevastopol die Parade von 25 voll ausgerüsteten Kriegsschiffen abnehmen. Die Inszenierung der Flottenparade hatte den Zweck, Katharinas Gästen – insbesondere dem österreichischen Herrscher, Kaiser Joseph II., der die Reise inkognito als ein Graf von Falkenstein mitgemacht hatte, aber auch den Botschaftern von England und Frankreich – Russland als zukünftige Seemacht zu präsentieren. Höhepunkt der Krimreise sollte der Aufenthalt im Bachcisaraj werden, dem Gartenpalast der besiegten Tataren-Chane, den Potemkin für Katharina mit viel Aufwand restaurieren ließ, nachdem seine Truppen ihn zuvor zerstört hatten. Er liegt  in einem lieblichen Hochtal, umgeben von Obstbäumen und Weinreben; ein  Szenario aus „1001 Nacht“: Vorkragende Holzdächer, über die kleine Minarett-Schornsteine ragen, Lehmwände mit ornamentalen Reliefs, hölzerne Galerien über marmornen Säulengängen, kunstvoll geschnitzte Fenstergitter. Die kaiserlichen Herrschaften, also Katharina und Joseph II., übernachteten in den Räumen des Chan. Katharina bedankte sich bei dem Gastgeber, ihrem ehemaligen Geliebten Potemkin, mit einem Gedicht:

Ich lag des Abends in der Laube des Chans /
Inmitten der Muslime und des muselmanischen Glaubens/
Gegenüber dieser Laube steht eine Moschee/
Dorthin ruft der Imam das Volk fünfmal täglich zusammen./
Ich hatte vor zu schlafen und gerade schlossen sich die Augen, /
als er mit verstopften Ohren aus Leibeskräften losschrie…/
Oh Wunder Gottes! Wer von meinen Vorfahren/
Schlief ruhig im Gedanken an die Horden und ihre Chane?/
Und mich stört am Schlaf mitten im Bachcisaraj / [1]

Es ist ein politisches Gedicht. Katharina bringt ihren Triumph auf den Punkt. Die Goldene Horde, die das Russische Reich seit dem 13. Jahrhundert nicht zur Ruhe kommen ließ, war zu einem zahmen Siedlervölkchen degeneriert, das sich den neuen Herren widerstandslos unterwarf. Dass die Zarin im Palast des Chans übernachtete, bedeutete eine unerhörte Demütigung für die Besiegten. Katharina war so klug, die großmütige Herrscherin herauszukehren, sie stiftete zwei Moscheen und erlaubte den Tataren, ihre Religion weiter auszuüben und ihre Kinder in der eigenen Sprache zu erziehen. Das ist übrigens heute wieder so. Die ukrainische Verfassung hat die Religionsfreiheit wieder hergestellt, die das Sowjetregime abgeschafft hatte.

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Der Tränenbrunnen. Foto: Sybil Wagener

Die Frage, ob die Krim zu Russland gehöre, würden die meisten Russen mit Ja beantworten. Schuld daran sind die Dichter, sie haben die Krim für die Literatur vereinnahmt, die der direkteste Weg zu den Herzen der Russen ist. Puschkins Gedicht über den Tränenbrunnen soll Stalin veranlasst haben, den Gartenpalast zu verschonen, als er nach Kriegsende die Siedlungen der tatarischen Kollaborateure zerstören ließ. Sein Name rührt von der wie ein Auge geformten Öffnung her, aus der einzelne Wassertropfen fallen, die eine Schale füllen, aus der das Wasser in eine tiefere Schale tropft, aus der es im gleichen Rhythmus weiter tropft …
Chan Girai hat ihn 1764 errichten lassen. Eine Legende gehört natürlich dazu: Die Favoritin seines Harems ist gestorben, und weil der Chan nicht weinen darf, oder nicht weinen kann, muss der Brunnen das für ihn in alle Ewigkeit tun. Puschkins Gedicht ist eines der populärsten in der russischen Literatur:

„Zwei Rosen hab ich dir gebracht,
Du wunderbarste der Fontänen,
Von Liebe flüsternd Tag und Nacht,
Versiegst du nie gleich Dichtertränen“.

Katharinas Kolonialpolitik war nur scheinbar mild. Die russischen Kolonialisten setzten auf Zeit. Die religiöse und intellektuelle Führungsschicht der Tataren wanderte nach und nach ins Osmanische Reich aus. Die Weingärten und Obstplantagen wechselten die Besitzer. Die Krim wurde zur russischen Riviera und für die Dichter zum Land der Sehnsucht. Den Bachcisaraj schützte sein Ruhm auch vor den Deutschen. Die Tataren hielt Hitler für Nachfahren der Goten, die sich hier zeitweise niedergelassen hatten, also für rassisch verwandte Völker. Gefangene Krimtataren wurden nicht liquidiert, sondern zu militärischen Hilfsverbänden zusammengefasst, die auf deutscher Seite kämpften. Dafür mussten sie teuer bezahlen. Unmittelbar nach dem Rückzug der Deutschen im Mai 1944 ließ Stalin 180.000 von ihnen deportieren, die Mehrheit nach Usbekistan. Ihre Häuser und Moscheen wurden bis auf den Gartenpalast dem Erdboden gleich gemacht. Hätte Puschkin den Tränenbrunnen nicht russifiziert, stünde dort kein Stein mehr auf dem anderen.

Die kriegerische Vergangenheit ist in Sevastopol in Hunderten von Denkmälern gegenwärtig. Der Krimkrieg 1854/55 ist zur Legende geworden. Gegen Russland hatte die Türkei sich mit England und Frankreich verbündet. Es war der bisher größte Flottenaufmarsch der Geschichte, aber es kam zu keiner Seeschlacht. Die Kriegsschiffe der Alliierten versuchten, die Festung unter Feuer zu nehmen, doch die Geschosse prallten von den Felsen ab, während die Geschütze der Fortifikationen ihre schwimmenden Ziele recht gut trafen. Schließlich brachten die Alliierten Truppen und Artillerie an Land. Die Belagerung der Stadt dauerte 349 Tage. Obwohl die Krim noch keine hundert Jahre lang zu Russland gehörte, verteidigte das Volk von Sevastopol sich ohne Rücksicht auf Verluste. Die Frauen leisteten ihren Anteil, indem sie die Soldaten versorgten und die Verwundeten pflegten. Die Kinder machten Botengänge und überbrachten Nachrichten. Nachbarn kämpften und starben Seite an Seite. Der Mythos von der Krim als Wiege des Heiligen Russland, der Katharinas Propagandawaffe war, ersetzte die fehlenden regionalen Wurzeln. Nicht adlige Großgrundbesitzer verteidigten hier ihre koloniale Beute, sondern die Bevölkerung einer Stadt schloss sich über alle Standesunterschiede hinweg zusammen. Die Opferbereitschaft aller brachte lange vor der Revolution den Heldenkult des einfachen Soldaten hervor. Leo Tolstoj war unter den Verteidigern Sevastopols. Die drei Novellen ‚Sevastopol im Dezember’, ‚Sevastopol im Mai’, ‚Sevastopol im August’ waren sein literarischer Durchbruch.

Junge Matrosen der Schwarzmeerflotte, fast noch Kinder, paradieren im Stechschritt auf dem Nachimov-Platz vor einer grauen Granitwand, auf der die Jahreszahlen 1941– 1942 in Hohlform eingemeißelt sind. Darunter Marmortafeln mit den Namen der Gefallenen. Ein Opfer-, kein Siegerdenkmal.  Die Belagerung Sevastopols im Jahr 1942 durch die Deutschen führte zur völligen Zerstörung der Stadt. Man sieht es ihr heute nicht mehr an. Stalin hatte sich der „Heldenstadt“ gegenüber großzügig erwiesen und einen Wiederaufbau in Schönheit ermöglicht. Gebäude aus weißem Kalkstein, Klassizismus ohne Schnörkel, breite Alleen, viel Grün, Blumenbeete entlang der Bürgersteige verbreiten Weltstadtflair zumindest im Zentrum.

Der Flottenstützpunkt Sevastopol gehört den Russen heute offiziell, der Rest der Insel, heißt es, gehöre ihnen faktisch. 95 Prozent der Krimbewohner beherrschen angeblich das Ukrainische nicht. Ein Census könnte sich unter diesen Umständen als fatal erweisen.


[1] Jobst, Kerstin S., Die Perle des Imperiums, Konstanz 2007, S. 114

Die Philosophen: Das Absurde und wir

Januar 2014

Thema Albert Camus. Wir haben den „Mythos des Sisyphos“ besprochen, dessen Symbolik, interpretiert als tapferes Schultern des Alltags, allen einleuchtet. Umstritten ist Sisyphos‘ Glücksmoment. Während er hinter dem Stein her, der ihm einmal mehr entglitten ist, den Berg hinunter in die Ebene steigt, erlebt er sich selbst als freien Menschen. Sein Schicksal ist tragisch, doch indem er es erkennt und als unausweichlich akzeptiert, besiegt er es. Der Triumph liegt in der Erkenntnis. Die Götter wollen erreichen, dass Sisyphos angesichts seiner hoffnungslosen Lage zusammenbricht, doch er nimmt sie einfach nur zur Kenntnis. “Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann“.1 Moralisch bleibt er den Göttern überlegen. – Aber ist das nicht ein sehr schwacher Trost?

Nun also „Der Fremde“. Wir sind heute sechs: Isadora, dünn wie ein Model, alternativ-elegant, mit tiefrotem Lippenstift und kajalbetonten Augen unter dem wilden graumelierten Bürstenhaarschnitt. Eve, unsere Klassenbeste (und Jüngste), mit zwei Brillen, einer für nah und einer für fern, grenzenlos wissensdurstig, immer gut vorbereitet, uneitel intellektuell; sie versteckt ihr Licht gern unter dem Scheffel. Diogenes, vermutlich der belesenste und denktrainierteste Mann im Kiez, der die warmen Tage vor seinem Stammcafé an der Bergmannstraße verbringt, entweder Zeitung lesend oder seine Bücher mit Bleistift markierend, während sein schwarzweißer Spaniel nach Hundebekanntschaften Ausschau hält. Weiter Mühle, der Bayer, der so umfassend an allem interessiert ist, dass die Philosophie nur einen kleinen Ausschnitt seines Universums abzudecken vermag. Dann die Neue, über die noch niemand eine Meinung hat. Schließlich ich, die Protokollantin.

Isadora, mit ihrem Sinn fürs Theatralische, trägt uns die Mord-Passage vor: „Das Klatschen der Wellen war noch träger, noch verhaltener als mittags. Es war dieselbe Sonne, dasselbe Licht auf demselben Sand, der sich hier weithin erstreckte. Schon seit zwei Stunden schien der Tag stillzustehen, seit zwei Stunden war er in einem Ozean aus kochendem Metall vor Anker gegangen…“ 2 Sie meint, die Hitze sei schuld daran gewesen, dass Meursault die Selbstkontrolle verlor und auf den Araber schoss. Die Sonne im Süden könne einem ganz schön zusetzen. Diogenes: Diese Szene sei doch die pure Metaphysik. Überwältigt von der Gewalt des Lichts, das die zivilisatorischen Schranken seines Bewusstsein zerstrahlte, habe Meursault erkannt, dass die Essenz des Lebens der Tod sei. Aus dieser Erkenntnis heraus, die „aus dem Stahl sprang“3, als der Araber das Messer zog, habe er nicht nur einmal geschossen, sondern – wie um die Absurdität auf die Spitze zu treiben – gleich fünfmal, und den Araber getötet.

Wir sind nicht weniger ratlos als der Untersuchungsrichter, was die Frage betrifft, warum Meursault zwischen dem ersten und den späteren Schüssen gezögert hat… War es das „nun ist schon alles egal“ der vulgarisierten Absurdität? Sympathisch findet „den Fremden“ jedenfalls niemand. Diogenes wirft Camus sogar Rassismus vor, aber das kann man widerlegen – die „Bösen“ in diesem Plot sind nicht die Araber, „böse“ ist der weiße Kolonialist Raymond, der seine arabische Freundin erniedrigt hat und die Rache ihrer Brüder fürchten muss. (Abgesehen davon, dass Camus nicht moralisiert. Auch moralisch ist „der Fremde“ völlig indifferent). Im übrigen sind es die Mühlen des französischen Rechtssystems, in die Meursault geraten ist. Es sind Franzosen, die über ihn richten.

Der koloniale Hintergrund ist nicht allen gewärtig. Albert Camus stammte von den frühesten Kolonisatoren ab, die schon kurz nach der französischen Annektierung 1830, vor dem Elend in ihren Heimatländern flüchtend, nach Algerien kamen und sich als Land- und Weinbergarbeiter an die Latifundienbesitzer verdingten. Im Ersten Weltkrieg wurde Albert Camus‘ Vater, von Beruf „caviste“, Weinfacharbeiter, 1914 eingezogen und bald darauf tödlich verwundet. Die Mutter ging mit den beiden Söhnen nach Algier, wo sie Familie hatte, und ernährte sie als Putzfrau.

Wir sind uns darüber einig, dass dieser Zufalls-Mörder ein Konstrukt ist, ein Ideenträger. In Wirklichkeit würde kein Mensch so reagieren. Ein Psychopath, der aus Gefühllosigkeit mordet, würde das Blaue vom Himmel lügen, um seinen Kopf zu retten. Meursault hingegen denkt nicht daran, zu lügen. Wäre er ein Ideologe der Wahrheit, dann würde er mit ihr hausieren gehen. Er erweckt vielmehr den Anschein, als sei ihm das Lügen einfach zu anstrengend. Es steckt aber mehr dahinter. Er ist ein Provokateur. Er lehnt die Regeln der (mediterranen) Gesellschaft ab, in der die alten Eltern grundsätzlich von der Familie gepflegt werden. Er lehnt es ab, Trauer zu heucheln, weil er meint, seine Mutter sei im Heim glücklich gewesen und habe ihn nicht vermisst. Er weigert sich vor allem, ein Bekenntnis zum christlichen Glauben abzulegen, der ihm nichts bedeutet. Nur bei dieser Gelegenheit zeigt er Gefühl. Er explodiert in einem Wutanfall, als der Priester nicht ablässt, den zum Tod Verurteilten an Gott zu erinnern. Diogenes weist nicht ohne Ironie darauf hin: Meursault, Galionsfigur des Absurden, Verkünder der Sinnlosigkeit des Lebens, erträgt es nicht, mit einem Sinnsystem konfrontiert zu werden. Was macht ihn daran so böse? Stünde er wirklich so über den Dingen, wie er tut, könnte er den Bekehrungsversuch doch mit einem Schulterzucken an sich ablaufen lassen…

Die Netz-Katastrophe

Ein neues Lädchen mit dem logo meines Providers in der Passage. Es ist nur ein einziger Kunde mit Hund zu sehen. Ich nutze die Gunst des Moments, für eine Auskunft nicht Schlange stehen zu müssen, und trete ein. Der junge Mann hinter dem Ladentisch blickt kurz auf und kommentiert meinen Radfahrer-Outfit: „Es regnet nicht“. – „Noch nicht“, erwidere ich. Er wirkt fahrig, während er telefoniert. Es geht darum, ob ein bestimmtes Android-Telefon auf Thailändisch zu bedienen ist. Ich richte mich auf eine längere Wartezeit ein, doch es geht ganz schnell. Der Kunde hinterlässt seine Telefonnummer, die der Verkäufer auf einem A4-Bogen notiert, und führt sein Hündchen hinaus. Ich bin an der Reihe und bringe mein Anliegen vor, dabei habe ich das deutliche Gefühl, dazu beizutragen, dass der junge Mann immer nervöser wird. „Ich komme nicht ins Internet“. Anklagend deutet er auf einen Stapel von beschriebenem Papier. „Das hat sich alles angesammelt. Ich glaube, ich muss den Laden jetzt erst mal schließen“. Irgendwie ahne ich eine Katastrophe. „Ich warte nur darauf“, sage ich, „dass die Elektronik eines Tages ganz zusammenbricht. Dann schreiben wir statt Emails alle wieder Briefe“. – „Wenn jetzt irgendwo in der Nähe eine Atombombe explodiert“, antwortet er, „brechen in der Tat sämtliche Netze zusammen“. – „Dann schreiben wir aber auch keine Briefe mehr“, stelle ich fest. „Dann“, sagt er so entschlossen, als habe er für diesen Fall bereits seine Vorkehrungen getroffen, „esse ich alles auf, was ich im Kühlschrank habe, und anschließend erschieße ich mich“. Beeindruckt trete ich auf die Straße, wo gerade ein heftiger Regenguss niedergeht und frage mich, ob es das Wetter ist, das manche Menschen gelegentlich in eine Weltuntergangsstimmung treibt. –  Am nächsten Morgen, als ich die Nachrichten auf dem Bildschirm lese, wird mir alles klar. Seinem Arbeitgeber sind zwei Millionen Kundendaten gestohlen worden.

Kraniche und Paulinenaue – ein Jahr später

Bahnhof Paulinenaue

Paulinenaue… Ach! Im Kino kommt das vor, aber auch in Alpträumen: Man sucht einen Ort auf, den man als wunderbar im Gedächtnis behalten hat, doch er ist verschwunden, als habe er nie existiert. Das Gefühl stellt sich ein, dass ein böser Zauber im Spiel ist. Mit Kindheitserinnerungen geht es einem oft so. Seit das Flussufer mit der sandigen Badebucht betoniert wurde und das Abenteuer-Wäldchen einem Gewerbegebiet weichen musste, sind immerhin Jahrzehnte vergangen. Doch Paulinenaue! Das ist doch erst ein Jahr her!

Die Kraniche wenigstens sind zuverlässig. In keilförmigen Staffeln steuern sie ihre Schlafquartiere an, wechseln wie Rennradfahrer (die das von ihnen gelernt haben) das Leittier aus, in dessen „Windschatten“ oder auch „Wirbelschleppe“ sie versetzt fliegend Energie sparen und plötzlich ihre Formation verändern, was zu faszinierenden Musterbildungen vor dem Abendhimmel führt, der hier in Linum weit genug ist, um Tausende von Zugvögeln gleichzeitig aufzunehmen.

Die Dialektik von Verlust und Wiederherstellung der Form bleibt spannend wie der Blick durch eine Laterna Magica oder, moderner, die Beobachtung von Pixeln, die ein Bild generieren… Erst die hereinbrechende Dunkelheit macht dem Schauspiel ein Ende.

Auf der Fahrt nach Linum sahen wir die Landschaft, durch die der neue Radweg auf dem ehemaligen Bahnkörper der 1970 stillgelegten Pauliner-Neuruppiner Eisenbahn führt, bei Tag: Das „Rhinluch“ mit dem unermesslichen norddeutschen Horizont, den schilfgesäumten Teichen, den fetten Wiesen, den abgeernteten Maisfeldern ist ein Paradies für Störche und Kraniche, die hier auf dem Weg nach Süden Station machen. Dicht gedrängt staken sie über die Wiesen, wo ein verloren gegangener Jungvogel, der kläglich schreiend allein seinen Weg sucht, eventuell die Chance hat, wieder Anschluss zu finden. Kraniche, so erfahren wir, leben paarweise und ziehen jährlich ein bis zwei Nachkömmlinge groß, ihre charakteristischen Trompetensignale dienen dem Zusammenhalt der Familien. Nachts schlafen sie auf einem Bein in den Teichen, deren Wasser ihnen die vierfüßigen Feinde vom Leib hält, morgens brechen sie zur Futtersuche auf, und da die Region menschenleer und ihnen wohl gesonnen ist, werden es jedes Jahr mehr, die hierher kommen; auf rund 80 000 wird ihre Zahl in diesem Jahr geschätzt.

Nichts (außer einem Autobahnbrückenbau) scheint sich verändert zu haben. Zugvögel, die pünktlich wiederkehren, werden paradoxerweise zu Symbolen der Dauerhaftigkeit. Ganz zu schweigen vom Sternenhimmel; Andromeda, Kassiopeia, Großer Bär waren vor uns da und werden nach uns da sein, das ist gewiss. Der Radweg ist nicht mehr ganz so neu und glatt, vom Sturm abgerissene Zweige bedecken ihn, vor allem aber sind wir nicht allein : Ein Reh. Ein Hase. Ein Fuchs. (Auf einem späteren Weg hockt gemütlich ein Waschbär). Sie blicken unseren Fahrrädern neugierig entgegen und entfernen sich ohne Anzeichen von Panik. Was schließen wir daraus? Dass sich hier Fuchs und Has‘ gute Nacht sagen, weil kaum noch Menschen vorbei kommen? Auch das ist eine Wiederholung: Weit weg nähert und entfernt sich ein Zug. Dann taucht am Ende des schwarzen Tunnels auch die Lichtinsel auf, die den Bahnhof Paulinenaue ankündigt und wir beeilen uns, ins Warme zu kommen, in die Gaststube mit der heißen Musik und den coolen Gästen. Vielleicht, fragen wir uns, hat der Fußballverein diesmal ein Spiel gewonnen und feiert seinen Sieg noch viel übermütiger als vor einem Jahr seine Niederlage?

Ach, Paulinenaue – ! Man ahnt, was kommt. Die Tür verriegelt, die Fenster dunkel, Totenstille. Kein Stuhl auf der Terrasse. Kein Ruhetagsschild. Keine Information. Als habe es das „Gasthaus zu den drei Landkreisen“ nie gegeben. Niedergeschlagen gehen wir zum Bahnsteig zurück, wo in kurzen Abständen Zugdurchfahrten gemeldet werden, gefolgt von heftigen Erschütterungen des Trommelfells. Der Bahnhof, ein Schmuckstück des Klassizismus, bemalt, beschädigt, besudelt, bröckelt vor sich hin. Bald wird es auch hier so aussehen, als habe es ihn nie gegeben. Eine Bahnstation wie im wilden Land, ein Lichtraum, ausgestochen aus der Ödnis. Der Regionalzug hält hier stündlich, aber nicht länger als 30 Sekunden, die Anfahrts- und Abfahrtszeiten sind identisch. Wer hier einsteigt, erscheint in letzter Minute, wer aussteigt, beeilt sich, nach Hause zu kommen. Jenseits der Gleise lauert die Wildnis. Bald, stelle ich mir vor, wird die Umgebung zugewachsen sein und unter den Stauden und Sträuchern werden Fuchs und Has‘, Waschbär und Haselmaus daran gehen, auf diesem Stückchen Globus das Verhältnis von Wildnis und Zivilisation zu revidieren.

Gegen das Vergessen: Rassenmord Auge in Auge

Nach allen unseren Reuebekenntnissen und Bußübungen, nach der Aufarbeitung unserer Schuld im Ganzen und im Detail, nach der internationalen Anerkennung unserer Bemühungen und der glücklichen Wiederaufnahme in die Zivilgesellschaft konnte niemand sich vorstellen, dass eine rechtsradikale Mörderbande bei uns nachvollzieht, was ihre Großväter in SS-Uniform hinter den Linien in Polen, in der Ukraine, in Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland, Russland und im Kaukasus an der jüdischen Zivilbevölkerung begangen haben: kaltblütige Massenmorde mit dem eigenen Gewehr, Auge in Auge mit den Opfern – Frauen, Kindern, alten Leuten. Wer heute daran erinnert, dass der Völkermord von Zehntausenden Deutschen ausgeführt und von Hundertausenden verantwortet wurde, gerät in den Verdacht, die Vergangenheit wie eine Fußfessel mit sich herumzuschleppen. Eine Mordserie aus rassistischen Gründen? Undenkbar. Rassismus ist bei uns doch tabu! Wenn türkische Imbißbudenbesitzer immer wieder mit der gleichen Waffe erschossen werden, muss das eine Insider-Sache sein, das bringen doch nur Mafiosi fertig! So sicher sind wir unserer wiedergewonnenen Integrität, dass wir übersehen, in wie vielen Winkeln des Landes sich die Menschenverachtung und der Fremdenhass der Großvätergeneration gehalten hat. Mit der braunen Brut wurde keineswegs in Nürnberg aufgeräumt. Sie hat sich reproduziert und den Geist des Verbrechens auf die Enkel tradiert. Nicht auf alle, auf relativ wenige, doch auf zu viele, um darüber hinwegzugehen. Wer nicht weiß, was damals geschehen ist, muss es erfahren. Scham allein ist nicht mehr als ein Achselzucken.

Gegen das Vergessen ist dieses Buch geschrieben:
> Borysthenes – Landschaft und Trauma
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